Kahlschlag für Deutschland
Wir kennen sie aus Diavorträgen, Bildbänden oder von eigenen Reisen, die regenreichen Urwälder der Westküste Nordamerikas mit ihren jahrhundertealten, moosbewachsenen Baumriesen. Diese Regenwälder des temperaten Klimas beeindrucken durch ihre Vielfältigkeit und sie sind Lebensraum für Bergpumas, Bären, Wölfe und zahllose weitere Tierarten.
Jeden Tag geht ein Stück temperater Regenwald durch unsere Hände!
Zeitungen, Werbeprospekte, Windeln, Spanplatten viele dieser Produkte stammen aus dem Holz der temperaten Regenwälder. Kanadas Urwälder fallen für Wegwerf- und Billigprodukte. Für jährlich mehr als eine Milliarde DM importiert Deutschland Holzprodukte aus Kanada. Etwa alle zwei Minuten wird Wald von der Größe eines Fußballfeldes eingeschlagen, um den Holz- und Papierverbrauch in Deutschland zu sichern. Unser verschwenderisch hoher Verbrauch von Papier und Zellstoff wird nicht zuletzt auch den temperaten Regenwäldern zum Verhängnis.
Urwälder sind keine erneuerbaren Rohstoffe!
Die kanadische Provinz Britisch Kolumbien beherbergt entlang ihrer Pazifikküste die letzten zusammenhängenden Regenwälder der gemäßigten Breiten. Noch, denn von allen Seiten dringen die Holzkonzerne in die steilen Täler ein und holzen ab, Tal für Tal, jeden Tag mehr als einen Quadratkilometer. Die monotonen Wiederaufforstungen sind kein Ersatz für den verlorenen Urwald. Mit ihm verschwinden viele Tier- und Pflanzenarten sowie die jahrtausendealte kulturelle und spirituelle Heimat der Nordwestküsten-Völker. Mehr als die Hälfte der Regenwälder sind bereits abgeholzt und das Tempo ihrer Zerstörung ist ebenso bedrohlich wie das der tropischen Regenwälder.
Kahlschlag für den schnellen Profit weniger oder Urwald für die Zukunft aller?
...in Kanadas Regenwäldern
Ein Besuch im temperaten Regenwald
Wolkenfront auf Wolkenfront wird vom Aleuten-Tiefdruckgebiet über den nördlichen Pazifik nach Osten geschickt. Die feuchtegesättigten Luftmassen regnen sich an den steil aufragenden Gebirgen der Westküste Nordamerikas ab und liefern damit die Lebensgrundlage für die faszinierenden Regenwälder der gemäßigten Breiten - die temperaten Regenwälder.
Wer diese Wälder betritt, wird unweigerlich ins Staunen geraten: uralte Nadelbäume, die Stämme oft mehrere Meter mächtig und bis zu hundert Metern hoch, ragen - Säulen gleich - in den Himmel. Ihr Kronendach schließt sich hoch über dem Boden wie die Kuppel einer Kathedrale. Die Stämme und Äste der alten Koniferen sind über und über mit Moosen und Flechten bewachsen. Große Baumruinen lassen an ihren blanken Stämmen das Sonnenlicht auf den Waldboden vorbeischeinen, der von einer üppigen Strauch- und Krautschicht bedeckt ist. Auf den langgestreckten Rücken umgestürzter Baumgiganten wächst die nächste Baumgeneration heran. Überall glitzern Wassertropfen, die sich nach und nach zu klaren Bächen und Flüssen vereinen. Kühl und feucht ist die Luft, mit süßlichem Geruch vermodernden Holzes. Jeder Schritt, jedes Geräusch wird gedämpft durch das überall wuchernde Grün.
Auch WissenschaftlerInnen sind begeistert von der Vitalität und Vielfalt der temperaten Regenwälder. Das für die gemäßigten Breiten ungewöhnliche Vorherrschen der Koniferen erklären sie mit der besseren Anpassung von Nadelbäumen an die außergewöhnlichen Klimaverhältnisse und der Verdrängung von konkurrierenden Laubbaumarten durch die Gletschervorstöße der Eiszeiten. Eine lange Vegetationsperiode und das seltene Auftreten von großflächigen Störungen durch Feuer oder Insekten sind Gründe für ungehindertes Wachstum über viele hundert, ja tausend Jahre. Daher ist hier die Biomasse pro Fläche größer als irgendwo sonst auf unserem Planeten.
Der hohe Anteil von Totholz und abgestorbenen Pflanzenteilen ist von entscheidender Bedeutung für die Nährstoffkreisläufe der temperaten Regenwälder. Das langsam verrottende Holz großer Bäume bietet Nahrung und Lebensraum für Nacktschnecken, Fledermäuse, Pilze und zahllose andere Lebewesen. Gleichzeitig dient es als Wasserspeicher und "Nährmutter" für junge Bäume. In der mächtigen Rohhumusauflage des Bodens zersetzen Pilze und Bakterien die abgestorbene Biomasse und wandeln sie um in für Pflanzen verfügbare Nährstoffe.
Typisch für die Urwälder ist ein kleinräumiges Mosaik aus den vielfältigsten Lebensräumen. Die jeweiligen Artenzusammensetzungen sind abhängig von den Standortbedingungen Bodenbeschaffenheit, Mikroklima und Exposition und die Altersstufen der Pflanzengesellschaften (Sukzessionsstadien) variieren von Ort zu Ort. Waldboden, Stammbereich und Kronenschicht bilden die vertikale Untergliederung dieses hochkomplexen Lebensraumes. Diese Vielfalt der Lebensräume bietet ausreichend ökologische "Nischen" für hochspezialisierte Arten. Der Marmelalk etwa, eigentlich ein Seevogel, brütet hier ausschließlich auf den moosgepolsterten Ästen alter Bäume, der Pazifische Riesensalamander sucht seine Nahrung in den zahlreichen Bächen und Tümpeln, und die Rotrücken-Spitzmaus lebt ihr ganzes Leben im Kronenbereich alter Douglastannen. Viele derartige Tier- und Pflanzenarten können nur in ungestörten und intakten Wäldern leben und überleben.
Ein Urwald ist keineswegs das Endstadium eines Waldes mit überalterten absterbenden Bäumen, wie von der Holzindustrie immer gerne behauptet wird. Er befindet sich vielmehr im Gleichgewicht aus Wachstum und Zersetzung, das von der kleinräumigen Vielfalt und Dynamik aller Lebewesen getragen wird.
Holzwirtschaft in Britisch Kolumbien: Kahlschlag für den Export
Etwa 60 000 Quadratkilometer entlang der Pazifikküste von Britisch Kolumbien waren einst von Regenurwäldern bedeckt. Bereits um die Jahrhundertwende wurden die leicht zugänglichen Täler im Südwesten der Provinz abgeholzt, aber erst in den 50er Jahren begann der industrielle Ansturm auf das gesamte Gebiet.
Begünstigt durch das feudal erscheinende Pachtsystem, kontrollieren heute eine handvoll Konzerne wie MacMillan Bloedel, International Forest Products und Doman Industries den Einschlag in Britisch Kolumbiens Wäldern. Diese modernen Holzbarone" kontrollieren 50 % des jährlichen Einschlags im temperaten Regenwald.
Die Holzwirtschaft von Britisch Kolumbien ist folglich heute weitgehend auf den Export von Roh- und Halbwaren (also Schnittholz, Preßspan, Zellstoff und ähnliches) ausgerichtet. Siebzig Prozent des Sägeholzes und neunzig Prozent der Zellstoff- und Papierproduktion werden nach USA, Japan, Großbritannien, Deutschland und in die ostkanadischen Provinzen verschifft.
Mit den Urwäldern exportiert Britisch Kolumbien auch die Arbeitsplätze und Einnahmequellen einer weiterverarbeitenden Industrie; dabei sind mehr als einhundert Gemeinden durch ihre einseitige Wirtschaftsstruktur auf einen langfristig stabilen Holzertrag angewiesen.
Erklärtes Ziel der Holzkonzerne ist das Ersetzen der "überalterten und unproduktiven" Urwälder durch gleichaltrige Nutzholzbestände, die alle 50 bis 120 Jahre aufs Neue "geerntet" werden sollen. Eine hochmechanisierte Forstwirtschaft nach skandinavischem Vorbild entsteht: großflächige Kahlschläge unter Einsatz modernster arbeitsplatzvernichtender Maschinen.
Nur die wertvollen Stämme werden mit Seilkränen aus den Kahlschlägen herausgezogen und auf 80-Tonnen-Holztransportern in die Sägewerke verfrachtet. Das übrige Holz wird zurückgelassen oder gar verbrannt. Die anschließende Wiederbewaldung" führt bei den vorgesehenen Umtriebszeiten von 80 bis 120 Jahren zu gleichaltrigen, monotonen Forsten - sofern die Wiederaufforstung an den steilen Hängen erfolgreich verläuft.
Ein Kahlschlag ist vom nächsten oft nur durch einen schmalen Waldstreifen getrennt; Stück für Stück werden so ganze Täler ausgeräumt, von der Talsohle bis zur Baumgrenze. An die Stelle eines intakten Waldes mit seinen "kostenlosen" Funktionen als Wasserfilter, Luftreiniger und Kohlenstoffspeicher tritt ein instabiles, erosions- und erdrutschgefährdetes Brachland. Die Bodenschäden auf den Kahlflächen können an einigen Stellen so groß sein, daß auch nach vielen Jahrzehnten dort kein neuer Wald aufwächst.
Ohne Rücksicht auf die Folgen der Kahlschlagmethode wurden im Wirtschaftsjahr 1994/95 in Britisch-Kolumbien 190 244 Hektar (ha) abgeholzt, 88 % davon im Kahlschlagverfahren. Bereits sechzig Prozent der nordamerikanischen Regenurwälder sind abgeholzt. Die noch verbliebenen vierzig Prozent sollen nach den Vorstellungen der Holzindustrie innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre in den Sägewerken und Papierfabriken verschwinden. Nur die in den Provinz- und Nationalparken geschützten Urwaldgebiete werden verschont.
Alles ist berücksichtigt": Mythen und Märchen
Kanadas sorgsam gepflegtes Image vom einzigartigen Naturerlebnis mit endlosen, urwüchsigen Landschaften und wilden Tieren" schwindet so schnell wie seine Urwälder. Denn nicht nur im temperaten Regenwald an der Westküste, auch in den borealen Urwäldern des Nordens zerstückeln immer mehr Kahlschläge die empfindlichen Ökosysteme. Selbst entlang viel befahrener Tourismusrouten kann die zernarbte Landschaft heute nur noch mühsam hinter schmalen Waldstreifen verborgen werden.
Die zunehmend kritischen Anfragen potentieller Touristen sowie internationale Proteste haben Regierung und Holzindustrie aufgeschreckt. Sie investieren seither viele Millionen Dollar in Marketing- und Werbekampagnen, die nach Ansicht der Waldschützer letzlich nur Desinformations- und Vertuschungskampagnen darstellen.
Als Brasilien des Nordens" bezeichnen kanadische Umweltorganisationen den staatlich geförderten Raubbau der Holzkonzerne an der wirtschaftlichen und natürlichen Zukunft der Nation. In Sachen Energieverbrauch und Schwefeldioxidausstoß pro Person ist Kanada schon seit Jahren Weltmeister unter den Industrienationen. Nun gilt es auch als die Nummer eins in Sachen Naturverbrauch.
Ob die von den Partnern in der Waldnutzung" vorgebrachten Argumente auch einer kritischen Nachfrage standhalten, oder sich als fadenscheinige Mythen entpuppen, soll die folgende Gegenüberstellung zeigen:
Kahlschlag ahmt die natürlichen Pozesse der Walderneuerung nach
Eines der typischen Merkmale der temperaten Regenwälder ist das weitgehende Fehlen großflächiger Waldbrände. Aus diesem Grund konnten sich jahrhunderte bis jahrtausende alte Urwälder entwickeln, deren Artenvielfalt auf kleinräumigen Lichtungen im Kronendach (durch natürliche Alterungsprozesse, Windwurf, Insektenbefall, etc.) beruht. Doch auch in Wäldern im Landesinneren, in denen Feuer Bestandteil der natürlichen Waldentwicklung sind, hinterlassen sie keine kahlen Flächen, verdichten keine Böden und versanden keine Bäche. Während durch natürliche Störungen ein vielfältiges Mosaik aus abgestorbenen und überlebenden Bäumen entsteht, führen Kahlschläge zur Zerstörung dieser komplexen Ökosysteme. Im einen Fall bleibt das tote Holz als Nährstofflager im Wald, Flora und Fauna im Waldboden bleiben erhalten und ermöglichen eine allmähliche Selbstregeneration. Im anderen Fall wird das Holz abtransportiert oder verbrannt, das Ökosystem Urwald also vollständig entfernt. An die Stelle der strukturreichen Urwälder treten gleichaltrige Forsten oder kahle Flächen, wo die Wiederaufforstungsversuche scheitern.
Was wir entnehmen, geben wir zurück" - "Alle abgeholzten Flächen werden wieder aufgeforstet
Bäume kann man anpflanzen, Urwälder nicht! Auch eine erfolgreiche Neuanpflanzung ist Jahrhunderte später noch kein Urwald - den nächsten Kahlschlag plant die Forstindustrie in Britisch Kolumbien allerdings schon in 80 bis 120 Jahren! Der Forstbericht von Britisch Kolumbien weist für 1994/95 mehr als 10 000 Quadratkilometer (die Einschlagfläche von ca. 5 Jahren) als nicht ausreichend bestockt" aus. Unter dieser Zahl sind sowohl fehlgeschlagene Wiederaufforstungen als auch neue und noch nicht wieder bepflanzte Kahlschläge zusammengefaßt. Doch ein Vergleich der jährlichen Einschlagrate von ca. 190 000 ha mit der 1 Mio. ha nicht ausreichend bestockter Fläche läßt klare Rückschlüße auf die Probleme bei der Wiederaufforstung zu.
Eine Verringerung der Bodenproduktivität durch Erosion und Erdrutsche sowie die Verschlechterung des Kleinklimas (höhere Windgeschwindigkeiten, größere Temperaturschwankungen) sind typische Gründe für fehlgeschlagene Aufforstungsversuche auf den Großkahlschlägen. Darauf deuten auch die von 1994/95 (24 000 ha) gegenüber 93/94 (13 000 ha) deutlich angestiegenen Flächen mit fehlgeschlagenen Wiederaufforstungen hin. Und das trotz jährlich 250 Millionen gepflanzter Setzlinge.
Es sind bereits ausreichend Urwälder geschützt
In Übereinstimmung mit dem Brundtland-Bericht von 1987 verpflichtete sich die Provinzregierung von Britisch Kolumbien, bis zum Jahr 2000 zwölf Prozent der Landesfläche unter Schutz zu stellen. Kein Grund zur Freude, denn zwölf Prozent geschützte Fläche bedeutet nicht etwa den repräsentativen Schutz von Ökosystemen. Die überwiegende Zahl der neuen Schutzgebiete liegt in Gegenden, an denen die Holzkonzerne wenig Interesse zeigen: Alpine Bergwiesen, vergletscherte Gebirgszüge, Bergwälder. Von den mehr als 167 neuen Schutzgebieten seit 1993 liegen 68 % im montanen oder submontanen Bereich, und weniger als ein Prozent schützt die holzwirtschaftlich profitabelsten Wälder der Tieflagen. Berücksichtigt man weiterhin, daß derzeit etwa 50 % der Landesfläche von Britisch Kolumbien unerschlossen sind (in a wilderness state"), und viele der bisherigen Schutzgebiete von Kahlschlägen und Neuanpflanzungen umgebene Restbestände sind, steht zu befürchten, daß die 12 %-Lösung der Regierung weit mehr Urwald zerstören als schützen wird.
der Forstwirtschaft in Britisch Kolumbien
"Das neue Forstgesetz garantiert Weltklasse-Standards beim Einschlag der Wälder in Britisch Kolumbien"
Der Raubbau am Regenwald geht unvermindert weiter. Trotz des 1995 verabschiedeten neuen Forstgesetzes werden weiterhin 92 % der von den Holzkonzernen abgeholzten Flächen kahlgeschlagen. Urwälder werden immer noch unwiederbringlich zerstört. Denn: Die jährliche Einschlagrate blieb nahezu unverändert. Die vielzitierte Beschränkung der Kahlschlaggröße auf 40-60 ha hat somit dazu geführt, daß nun viele kleine" Kahlschläge die Urwälder noch schneller fragmentieren als zuvor. Es bleibt also in Bezug auf die Kahlschlagpolitik in Britisch Kolumbien (fast) alles beim Alten. Gewachsen sind lediglich die Anzahl auszufüllender Formulare und die Ausgaben der PR-Abteilungen von Provinzregierung und Forstindustrie. Eine naturverträgliche Waldwirtschaft, die Urwälder und Arbeitsplätze vor Ort auch langfristig erhält, wird das neue Forstgesetz in seiner jetzigen Form jedoch nicht fördern.
(Näheres zum neuen Forstgesetz auf der nächsten Seite.)
Die besondere Stellung der indigenen Nationen wird anerkannt
Nur winzige Gebiete Britisch Kolumbiens wurden von den indianischen Völkern durch Verträge an die eurokanadische Regierung abgetreten - und gingen so auf der Grundlage der Royal Proclamation von 1763 rechtmäßig in kanadischen Besitz über. Dennoch sind den indianischen Nationen nur 0,4 % der Landesfläche in kleinen Reservaten geblieben; auf den übrigen 99,6 % entscheiden die Provinzregierung und transnationale Konzerne über Ob und Wie der Nutzung - ein Verstoß gegen das Völkerrecht und die eigene kanadische Verfassung. Deshalb fordern viele der indigenen Nationen die Rückgabe zumindest eines Teils ihrer angestammten Gebiete. Während die angerufenen (kanadischen!) Gerichte betont langsam über die Landrechtsfragen beraten, werden in den umstrittenen Gebieten weiterhin Urwälder abgeholzt, Staudämme gebaut oder auch Schutzgebiete eingerichtet - fast immer über die Köpfe der Indigenen Nationen hinweg. Immer wieder wird versucht, die schwierige wirtschaftliche und soziokulturelle Situation der Indigenen Nationen zur Durchsetzung der eigenen Interessen auszunutzen. Regierung und Industrie bieten wirtschaftliche oder finanzielle Beteiligungen" an der Rohstoffausbeutung an, ohne den Status Quo, die Kontrolle von Provinzregierung und Holzindustrie über das Wie, Wo und Wieviel des Einschlags, anzutasten.
Die Holzwirtschaft ist lebenswichtig für Britisch Kolumbien
Während die multinationalen Holzkonzerne weiterhin Millionengewinne einstreichen und immer weniger davon im Land reinvestieren, wurde in den letzten zehn Jahren jeder vierte Arbeitsplatz in der Holzindustrie wegen Automatisierungen und Überkapazitäten abgebaut dem Raubbau an den Urwäldern folgt die soziale Katastrophe in den ländlichen Gemeinden. Die einseitige Subventionierung großer Konzerne benachteiligt die kleinen Betriebe und blockiert die wirtschaftliche Weiterentwicklung und Stabilisierung der Gemeinden. Urwälder und Holzwirtschaft könnten dennoch nebeneinander existieren. Wenn die Gemeinden statt der Konzerne die Kontrolle über ihre Wälder hätten, würden Raubbau und Verschwendung bald ein Ende haben. Wenn es verbindliche Richtlinien für eine naturnahe, nachhaltige Waldnutzung gäbe und diese von der Regierung kontrolliert und durchgesetzt würden, wären die Wirtschaftswälder gesünder und langfristig ertragreicher. Wenn das Holz vor Ort weiterverarbeitet werden würde, wären die Arbeitsplätze vielfältiger und erfahrungsgemäß auch sicherer. Insgesamt wäre unter diesen Voraussetzungen der Flächenverbrauch der Holzindustrie geringer. Somit könnten die restlichen Urwälder unter Schutz gestellt werden, ohne daß die Holzwirtschaft wegen Rohstoffmangels" Einbußen hinnehmen müßte.
Aktuelles aus Kanada
Das neue Forstgesetz:
Anleitung zum Raubbau an den Urwäldern in Britisch Kolumbien
Lang war die Liste der Verbesserungen, die die Provinzregierung von Britisch Kolumbien bei der Einführung des neuen Forstgesetzes (Forest Practices Code, FPC) 1995 ankündigte: Großflächige Kahlschläge seien Fehler der Vergangenheit, von nun an werde in Britisch Kolumbien Forstwirtschaft mit Weltklasse-Standards betrieben. Die maximale Größe der Kahlschläge sei nunmehr auf 40 bis 60 ha begrenzt. In sensiblen Gebieten - entlang von Laichgewässern etwa, oder an steilen Hängen mit Erdrutschgefahr- seien Kahlschläge in Zukunft sogar gänzlich verboten. Auch entlang der Fließgewässer sollten breite Schutzstreifen die sensiblen Uferbereiche als Lebensraum zahlreicher Tierarten besser schützen als bisher, und Verstöße gegen das neue Gesetzeswerk sollten von nun an mit hohen Geldstrafen (max. 1 Mio. CAN$) geahndet werden.
Ein kritischer Blick hinter die Blickschutzstreifen entlang vielbefahrener Straßen macht jedoch deutlich, daß auch im neuen Forstgesetz vielversprechende Formulierungen den politischen Entscheidungsträgern wichtiger gewesen zu sein scheinen als tatsächliche Verbesserungen: Weder eine drastische Kürzung der jährlichen Einschlagrate (die in manchen Regionen mehr als 50 % über dem Wert liegt, der vom Forstministerium als langfristig nachwachsende Holzmenge angenommen wird) noch eine Reform des maroden Lizenzsystems sind in Sicht. Kahlschläge sind auch im neuen Forstgesetz nicht generell verboten, obwohl sie nachweislich nicht die natürlichen Prozesse im Wald nachahmen. Und selbst die Umsetzung der neuen Richtlinien ist alles andere als vorbildlich:
Auch 18 Monate nach Einführung des neues Forstgesetzes wurden in den Einschlagsgebieten großer Konzerne 92 % der abgeholzten Wälder kahlgeschlagen; im Großen Küstenregenwald waren es sogar zu 99,5 % Kahlschläge.
Die vielzitierte Beschränkung der Schlaggröße auf 40-60 ha hat - wo sie eingehalten wurde - lediglich dazu geführt, daß bisher unerschlossene Gebiete noch schneller durch Straßen zerschnitten werden. Da die jährliche Einschlagrate nicht gesenkt wurde (für die großen Konzerne stieg sie 1996 sogar um 2 % an), fragmentieren nun viele kleine" Kahlschläge die Urwälder noch schneller als zuvor.
Allein im Wirtschaftsjahr 1994/95 wurden in Britisch Kolumbien 1 014 km neue Forststraßen gebaut - vor allem in solche Gebiete, die bisher noch unzugänglich waren. Das Gesamtforststraßennetz ist damit auf mehr als 40 000 km angewachsen. Das entspricht dem Erdumfang am Äquator.
Die jährlichen Einschlagrate (Annual Allowable Cut, AAC) sank in den 37 Forstamtsbezirken lediglich um durchschnittlich 0,5 Prozent statt - wie im FPC vorgesehen - um 6 bis 10 Prozent.
Die Schutzstreifen entlang der Gewässer sind eine Farce: Nur ein Drittel der schutzbedürftigen Uferbereiche entlang von Flüssen und Bächen sind durch das neue Forstgesetz geschützt, und in insgesamt 83% der kürzlich untersuchten 1086 Einschlaggebiete reichten die Kahlschläge direkt bis ans Ufer.
Aktuelles aus Kanada
Clayoquot Sound - Schicksal weiterhin ungeklärt
Das weltweit bekannteste bedrohte Regenwaldgebiet ist der Clayoqout Sound an der Westseite von Vancouver Island. Das 350 000 ha große Mosaik aus Wäldern, Inseln, Fjorden und Bergen war 1993 Schauplatz von Massenprotesten gegen die Abholzungen der Urwälder. In der Folgezeit erfuhr die internationale Öffentlichkeit nur wenig über das Schicksal des Clayoquot Sound. Dabei hat sich seitdem eine ganze Menge getan:
Der Scientific Panel, ein Wissenschaftsrat, der die bisherige Waldnutzung im Clayoquot Sound beurteilen sollte, kam in seinem Schlußbericht zu dem Ergebnis, daß unter den topographischen und klimatischen Gegebenheiten im Clayoqout Sound der Kahlschlag eine unangepaßte Nutzungsform sei. Diese Erkenntnis bestätigte sich im Winter 1996, als nach starken Regenfällen im Clayoquot Sound innerhalb von nur fünf Tagen 273 Erdrutsche gezählt wurden - 84 % davon befanden sich in abgeholzten Gebieten! Die Provinzregierung verpflichtete sich 1995, die Vorschläge des Rates umzusetzen. Eine rechtskräftige Verankerung im Forstgesetz steht jedoch bis heute aus. Auch registrierten Umweltorganisationen vor Ort bereits mehrere Verstöße - insbesondere durch den Holzkonzern Interfor - gegen die neuen Richtlinien.
Einen wirksamen Schutz gegen den Raubbau an den verbliebenen Urwäldern im Clayoquot Sound bietet der Schlußbericht des Wissenschaftsrat allein offensichtlich nicht. Seine Umsetzung führte jedoch dazu, daß MacMillan Bloedel, einer der beiden Holzkonzerne, die hier Einschlagrechte besitzen, im Januar 1997 bekannt gab, man werde wegen zu hoher Kosten unter den neuen Richtlinien den Einschlag im Clayoquot Sound für 18 Monate einstellen. Es bleibt zu hoffen, daß Provinzregierung und Gewerkschaften dies zum Anlaß nehmen werden, ein von den Friends of Clayoquot Sound 1996 vorgelegtes Konzept umzusetzen. Es skizziert eine Option, die den Schutz der verbliebenen Urwälder im Clayoquot Sound sichern und alternative Arbeitsplätze für die 400 derzeit vom Einschlag der Urwälder abhängigen Personen durch Aufbau einer weiterverarbeitenden Holzindustrie, verstärkte Pflege und Nutzung der Sekundärwälder sowie eine langfristig angelegte Tourismusförderung schaffen würde.
Weiterer internationaler Druck wird jedoch notwendig sein, um die Erkenntnisse des Scientific Panel auch auf andere Regenwaldgebiete mit vergleichbaren klimatischen und topographischen Bedingungen auszudehnen.
Das Canadian Rainforest Network:
Bündnis für den Wald
Im Sommer 1996 schlossen sich 20 Umweltorganisationen in Britisch Kolumbien zum Canadian Rainforest Network (CRN) zusammen, um sich gemeinsam der Zerstörung der temperaten Regenwälder zu widersetzen. Ziel des CRN ist der Erhalt der Regenwälder in Kanadas westlichster Provinz, wo derzeit nur etwa 6 % der Regenurwälder vor den Kettensägen der Forstkonzerne geschützt sind. Viele der noch intakten Täler sollen nach dem Willen von Provinzregierung und Forstindustrie in den kommenden Jahren durch Straßen erschlossen und kahlgeschlagen werden.
Um ihr Ziel zu erreichen, setzen sich die im CRN zusammengeschlossenen Gruppen weiterhin ein
für den Erhalt repräsentativer Gebiete im temperaten Regenwald.
für das Verbot von Kahlschlägen im temperaten Regenwald.
gegen neue Straßen in bisher unerschlossene Urwälder.
für die Unterstützung der Indigenen Völker im Widerstreit um den Erhalt ihrer traditionellen Gebiete und Kulturen.
Die Logging-Trucks wiegen bis zu 120 t und transportieren ca. 30-35 m3 Holz.
Entwicklung des Papierverbrauches pro Kopf in Deutschland von 1950 bis 1995 (in kg).
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Das Schwinden des Küstenregenwaldes.
Bezugsjahr: 1994/95.
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Anteile der Papier- und Kartonsorten am
Verbrauch in Deutschland im Jahr 1994 (aus VDP 1995).

| Zahlen - Daten -
Fakten Von 1981 bis 1991 wurden 27 000 Arbeitsplätze in der Forstindustrie in Britisch Kolumbien wegrationalisiert. Während sich die Menge des eingeschlagenen Holzes verdreifacht hat, sank die Zahl der Arbeitsplätze pro Festmeter um die Hälfte. Zwischen 1954 und 1990 wurden 861 000 Hektar Regenurwald abgeholzt. Das entspricht der bewaldeten Fläche der Bundeslandesländer Hessen und Nordrhein-Westfalen (mit jeweils 41% bzw. 26 % bewaldete Landesfläche). Allein in den Jahren 1993/94 wurden in Britisch Kolumbien 808 km neue Forststraßen zur Erschließung von Urwäldern gebaut. In den Jahren 1994/95 wurden 71,4 Mio. m3 Holz in Britisch Kolumbien eingeschlagen. Das entspricht dem Volumen von 80 000 Schwimmbädern mit den Abmessungen 30 x 10 x 2 m. Die abgeholzte Fläche in diesem Zeitraum entspricht der Größes des Saarlandes. Kanadas Regierung und Forstindustrie finanzierten von 1991 bis 1996 eine gemeinsame PR-Initiative im Umfang von 46,8 Mio. Can$, um das angeschlagene Image der kanadischen Holzindustrie aufzupolieren. |
Wölfe in Kanada: Wilde Jagd mit Hubschraubern, Giftködern und Schlingfallen
Mit sogenannten Wolf-Kontroll-Programmen wird im Westen Kanadas, in Britisch Kolumbien und den Yukon Territories weiterhin Jagd auf Wölfe gemacht - jetzt sogar mit »wissenschaftlichen« Argumenten. Die Wolf-Population müsse drastisch verringert werden, da eine zu hohe Anzahl von Wölfen die Elch- und Karibu-Bestände bedrohe, so die offiziellen Verlautbarungen der verantwortlichen Regierungsstellen. Der Abschuß der Tiere erfolgt aus Helikoptern, weiterhin werden in großem Umfang Giftköder und Schlingfallen ausgelegt. Selbstverständlich "erwischt" es dabei auch andere Tierarten, die dann ebenso wie die Wölfe in den Schlingen verenden.
Die wirkliche Gefahr für Karibus und Elchen sind jedoch nicht die Wölfe, sondern Trophäenjäger aus aller Welt, die einige tausend Dollar auf den Tisch legen, um sich nach dem "Urlaub" ein prächtige Geweih über´s Sofa hängen zu können.
Doch statt dem tatsächlichen Übel - der Trophäenjagd - einen Riegel vorzuschieben, und für die sehr viel mehr Geschick verlangende Jagd mit der Kamera zu werben, werden fragwürdige wissenschaftliche Untersuchungen bemüht, um die Wolfpopulationen weiter zu dezimieren. Schließlich erwarten die schießwütigen Urlausgäste ein »reichhaltiges Angebot« an in Mitteleuropa seit langem ausgerotteten Großwildarten.
Mit der Kamera statt mit den Gewehr zu jagen, erlaubt nicht nur ein wirkliches Erleben der Natur, sondern ermöglicht auch zukünftigen Generationen von Urlaubsgästen das Vergnügen, Wölfe, Bären, Elche und Karibus in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.
Anstatt eine naturverträgliche Tourismusindustrie zu fördern, scheinen die Provinzregierungen eher daran interessiert zu sein, Nordkanada zu einem Großwild-Safari-Park zu entwickeln.
Bären in Kanada: sterben für Trophäen
Nicht nur Elche und Karibus locken Hobby-Jäger aus aller Welt in die kanadische Wildnis. Immer mehr Grizzlies und Schwarzbären fallen den trophäenhungrigen Urlaubern zum Opfer. Die meisten Trophäenjäger kommen aus Deutschland, der Schweiz und den USA. Von sogenannten »outfitters« werden die "Jagdgäste" mit der notwendigen Ausrüstung für ihre Schießsafari ausgestattet und zu den von Bären am häufigsten aufgesuchten Orten geführt.
»Guaranteed kill«, Abschuß garantiert - mit diesem Slogan werben viele der kanadischen Jagdführer. Denn sie sind sich darin einig, "...daß Jäger ein Recht haben sollten, ungestört ihr Wildnisabenteuer erleben zu dürfen." Den »Jagdspaß« lassen sich die gut situierten Gäste denn auch gerne einiges kosten: $ 3 000 für einen Schwarzbären und weit über $ 10 000 für einen Grizzly-Bären sind inzwischen üblich.
Das Auffinden und Erlegen der Tiere hat wenig mit Naturerleben gemein: Die Bären werden meist an bekannten Nahrungsplätzen aufgesucht und dort aus kürzester Distanz - zuweilen gleich aus dem Geländefahrzeug - abgeschossen. Daß es keine Abschußbeschränkung für Schwarzbären gibt (der »outfitter« muß lediglich im Besitz einer $ 13 - 15 teuren Lizenz sein), ist um so besorgniserregender, weil keine verläßlichen Zahlen des Bärenbestandes existieren; die Zuständigen in den Ministerien in Britisch Kolumbien und im Yukon verlassen sich guten Gewissens auf die Schätzungen der Jagdführer!
Ein immer dichter werdendes Netz von Forststraßen zerschneidet ihre letzten Lebensräume, Kahlschläge und Erdrutsche zerstören ihre Lachsfangplätze. Und die sich ausweitende Trophäenjagd läßt so manches nun elternlose Bärenjunge den ersten Winter nicht überleben.
Schätzungen zufolge werden in Kanada jedes Jahr etwa 22 000 Bären legal getötet. Doch auf jeden legalen Abschuß kommen mindestens zwei illegale Abschüsse von Wilderern.
Kanada weiterhin auf dem Holzweg:
Kettensägen in Britisch Kolumbien wandern nordwärts
Rücksichtslose Kahlschläge in den temperaten Regenwäldern brachten Kanadas westlichster Provinz Britisch Kolumbien den Beinamen »Brasilien des Nordens« ein. Im Mittelpunkt der Kritik steht - auch nach der Verabschiedung des vielgelobten neuen Forstgesetzes 1995 - der augenscheinliche Raubbau an jahrtausende alten Urwäldern. Damit verbunden sind die Mißachtung indigener Landrechte und ein Pachtsystem, das einer naturverträglichen Waldnutzung zahlreiche Hürden in den Weg stellt.
Langsam tuckert die "Starlet" den Dean-Channel -Fjord hinauf Richtung Norden. Fünf Stunden lang, vorbei an dicht bewaldeten Hängen, schroffen Felsen und breiten, von Urwald gesäumten Fjorden. Ihr Ziel ist das Skowquiltz-Tal, eines der wenigen unerschlossenen Wassereinzugsgebiete im Großen Küstenregenwald (»Great Coast Rainforest«). NOCH ist er unerschlossen, doch nach dem Willen der Provinzregierung sollen hier ab 1998 die Kettensägen dröhnen.
Bereits kurz nach Bekanntwerden der Einschlagpläne erhoben sich Gegenstimmen: die Nuxalk (sprich: Nuhook) sind eine der sechs indianischen Nationen im Großen Küstenregenwald, die ihre Landrechte nie an die kanadische Regierung abgetreten haben und sich deshalb immer noch als die rechtmäßigen Verwalter dieser Wälder ansehen. Gegen die Einschlagpläne wollen sie sich mit allen gewaltfreien Mitteln wehren.
Um Blockaden wie 1993 im 400 km südlich auf Vancouver Island gelegenen Clayoquot Sound zunächst zu vermeiden, errichteten die Nuxalk 1996 gemeinsam mit der Umweltorganisation Forest Action Network (FAN) eine Forschungsstation im Skowquiltz. Sie soll die Bedeutung des Skowquiltz als kulturelles Zentrum der Nuxalk und Ruhestätte für ihre Ahnen sowie als wichtigen Lebensraum für Marmelalk, Weißkopfseeadler, Habicht, Grizzly, Schwanzfrosch und zahllose andere Urwaldarten dokumentieren. Sollte dieser Versuch, die Regierungsentscheidung zu revidieren, fehlschlagen, werden Blockaden und Verhaftungen auch in den Skowquiltz Einzug halten. Eine Blockade im nur wenige Kilometer südlich gelegenen Ista-Tal im September 1995 machte deutlich, daß es auch weiterhin ein breites Bündnis gegen die Vernichtung der letzten Urwälder in Britisch Kolumbien gibt, daß Menschen weiterhin bereit sind, sich der unheiligen Allianz zwischen Holzkonzernen, Provinzregierung und Gerichten mit gewaltfreiem Widerstand entgegenzusetzen und daß internationale Proteste gegen die Kahlschlagpolitik in Britisch Kolumbien nicht durch kosmetische Aufbesserung der Forstgesetze und teure PR-Kampagnen zu besänftigen sind.
Faszinierende Landschaft
Der Große Küstenregenwald erstreckt sich über 25 000 km2 entlang der Pazifikküste in Kanadas westlichster Provinz Britisch Kolumbien. Das Gebiet umfaßt zahlreiche Inseln, Fjorde und Berghänge, die bis in die alpine Vegetationszone hinaufreichen. Hänge, überzogen mit üppigen Urwäldern, wechseln sich ab mit schroffen, steil aus dem Wasser aufragenden Felsen. Seit wenigstens 8 000 Jahren ist der Große Küstenregenwald zudem Heimat von sechs indianischen Nationen: Den Nuxalk, Haisla, Heiltsuk, Oweekeno, Tshimshian und den Kwakiutl. Ihre traditionelle Lebensweise ist eng mit dem Lachs und den Wäldern mit ihren alten Riesenlebensbäumen verbunden. Auch heute noch sind mehr als 50 % der Bevölkerung (ca. 3 900 Menschen) im Großen Küstenregenwald indianischer Abstammung. Hier befindet sich auch das größte straßenfreie Gebiet in Britisch Kolumbien: Die Wälder, Flüsse und Bergwiesen des »Greater Kitlope« bedecken eine Fläche von einer Million Hektar (ungefähr ein Drittel der Schweiz).
Über 1500 Jahre alte Riesenlebensbäume (Thuja plicata - auch Rotzeder genannt) mit bis zu vier Meter dicken Stämmen, über siebzig Meter hohe Sitkafichten (Picea sitchensis) und Hemlocktannen (Tsuga heterophylla) sind die augenfälligsten Bestandteile der artenreichen temperaten Regenwälder. Kristallklare Bergbäche und Flüsse, Gezeitenzone und smaragdgrüne Wasser der Fjorde sowie die Urwälder bieten einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten, die an anderen Orten bereits ausgerottet oder stark gefährdet sind, letzte Rückzugsmöglichkeiten. Marmelalk, Bergpuma, Riesenhai, Grauwal und der weiße Kermode Bär seien hier als spektakulärste Beispiele für die vielen Tier- und Pflanzenarten genannt, die auf den Großen Küstenregenwald als Lebensraum angewiesen sind.
Doch Abgeschiedenheit und Schönheit der Region verschonten die Urwälder des Großen Küstenregenwaldes nicht vor dem Raubbau transnationaler Holzkonzerne. Nach dem Kahlschlag bleiben baumlose Hänge und Täler zurück, aus den Flüssen verschwinden die Lachse - und von der Holzwirtschaft abhängige Gemeinden sehen neben dem Urwald auch die Arbeitsplätze auf den mit Rohstämmen beladenen Flössen davonschwimmen. Die großen Profite hingegen streichen Holzkonzerne wie MacMillan Bloedel oder International Forest Products (Interfor) ein. Am größten ist für sie der Gewinn in den Gebieten, in denen uralte Baumriesen - Hemlock, Fichte und Riesenlebensbaum - wachsen. Und folglich ist auch ihr Interesse, Einschlaglizenzen selbst für die letzten noch unerschlossenen Urwaldgebiete zu ergattern, weiterhin ungebrochen.
Ausverkauf des Großen Küstenregenwaldes
Am 27. September 1995 wurde im zuständigen Forstamt in Hagensborg, Britisch Kolumbien in aller Stille der Ausverkauf der Urwälder im Großen Küstenregenwald besiegelt. Die Verhandlungen, in Britisch Kolumbien »charting« genannt, fanden unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt: ohne öffentliche Ausschreibung oder Anhörungen. Fünf Holzkonzerne sicherten sich auf diese Weise Einschlagrechte für mehrere hunderttausend Hektar Wald. Das beste »Schnäppchen« im Ringen um die begehrten Lizenzen machte zweifellos Interfor, einer der größten Holzkonzerne in Kanada, der die Mehrzahl der zu vergebenden Lizenzen erhielt. Bisher intakte Täler sollen durch Straßen zerschnitten, mit Kahlschlägen überzogen und der wenig später einsetzenden Bodenerosion preisgegeben werden.
Doch damit nicht genug: Die Lizenzen wurden vergeben, obwohl die Erstellung eines Landnutzungsplans für die Region gerade erst begonnen hat. In diesem Verfahren sollte unter anderem festgelegt werden, welche Gebiete für Holznutzung - sprich Kahlschlag - freigegeben und welche Gebiete geschützt werden sollen. Mit der Vergabe der Einschlaglizenzen wurde diese Entscheidung faktisch vorweggenommen. Sollte sich die Provinzregierung doch entscheiden, Teile des Großen Küstenregenwaldes unter Schutz zu stellen oder die Landrechte indianischer Nationen anzuerkennen, wird dies teure Rückkäufe der gerade verhökerten Einschlaglizenzen zur Folge haben: Die Konzerne erhalten in diesem Fall Entschädigungszahlungen zum Marktwert des Holzes - ohne daß sie je etwas für den Erhalt der Lizenzen gezahlt hätten.
Marodes Lizenzsystem
Dies ist nur eine der fragwürdigen Eigenarten des Pachtsystems, das seit seiner Einführung in den 1950er Jahren das Ende vieler kleiner Holzunternehmen in Britisch Kolumbien bedeutete. Gleichzeitig führte es zur Konzentration der Einschlagrechte in der Hand weniger, meist transnationaler Konzerne.
Die Geschichte des Landraubes begann in Britisch Kolumbien mit dem Beitritt der Provinz zur Kanadischen Föderation im Jahre 1871. Wälder, Flüsse und Bodenschätze gingen per Beschluß in den Besitz der Britischen Krone und in deren Rechtsnachfolge an Kanada über. »Crown land« oder »public land« hieß von nun an das von den indianischen Nationen gestohlene Land. Und schon kurze Zeit später begann die Provinzregierung, Einschlaglizenzen für die »öffentlichen Wälder« zu verteilen. Während anfangs nur kleinflächig Lizenzen, vornehmlich an Kleinbetriebe aus der jeweiligen Region, vergeben wurden, folgte in den 50er und 60er Jahren der Ausverkauf riesiger Gebiete an die großen Holzkonzerne. Das auch heute noch weitgehend gültige Pachtsystem entstammt dieser Zeit, in der Interessenverquickung und Bestechungen nicht unüblich waren.
Und das Pachtsystem hat bis heute weitreichende Auswirkungungen auf die Waldpolitik in Britisch Kolumbien: Die »öffentlichen Wälder« wurden damals in große Verwaltungseinheiten oder »Arbeitskreise« aufgeteilt. Einen Teil dieser Verwaltungseinheiten (heute TSA, Timber Supply Area genannt) wird weiterhin von den Forstbehörden verwaltet; für die Wälder in diesen Gebieten werden Lizenzen mit festgesetztem Einschlagsvolumen und relativ kurzen Laufzeiten meistbietend versteigert. Für andere Verwaltungseinheiten wurden flächenbezogene Lizenzen, die sogenannten TFLs, "Tree Farm Licenses", vergeben. Eine "Tree Farm Licence" ist ein Langzeitnutzungsvertrag, der dem Lizenznehmer die Verwaltung der betreffenden Wälder überträgt und ihm erlaubt, diese Wälder abzuholzen.
Eine Reihe von Regelungen machen eine Tree Farm License" geradezu zu einer Goldgrube:
Die Laufzeit einer Lizenz beträgt 25 Jahre, nach 10 Jahren kann sie auf Wunsch des Lizenznehmers um weitere 25 Jahre verlängert werden. Will nun die Regierung Teile des Lizenzgebietes anderweitig nutzen (z.B. als Schutzgebiet ausweisen oder zur Anerkennung indianischer Landrechte), so darf sie pro Lizenzverlängerung nur insgesamt so viel Fläche aus der Lizenz umwidmen, wie einer Kürzung der Einschlagsrate um fünf Prozent entspräche. Weitergehende Umwidmungen sind kompensationspflichtig, es muß also mit Steuermitteln öffentliches" Land von den Firmen zurückgekauft" werden, das diese zuvor ohne nennenswerte Gegenleistungen erhalten haben.
Der Inhaber einer Lizenz erhebt die Daten über die noch vorhandenen Waldbestände selbst und gibt sie an das Forstministerium weiter. Nur diese Daten werden vom Ministerium bei der Festlegung der jährlichen Einschlagsrate berücksichtigt. So wurden bisweilen wirtschaftlich uninteressante, weil unzugängliche Gebiete in die Berechnungen mit einbezogen, (sie könnten ja in Zukunft einmal interessant sein), die daraus resultierende erhöhte Einschlagsrate dann aber vollständig in den leicht zugänglichen Gebieten erfüllt.
Während kleine Holzunternehmen ihr Einschlagvolumen weitestgehend in ein bis zwei Jahres-Rhythmen ersteigern müssen, greifen große Konzerne wie MacMillan Bloedel und Interfor zusätzlich auf die in ihren TFLs langfristig gesicherten Einschlagrechte zurück. Auch die »Stumpage«, eine Abgabe, die für das Fällen des Holzes an die Provinz abgeführt wird, ist für Kleinbetriebe fast doppelt so hoch wie für die Inhaber der TFLs. So zahlten die großen Konzerne 1994/95 im Durchschnitt CAN$ 25 pro m3 an »Stumpage« während kleinere Unternehmen durchschnittlich CAN$ 40 pro m3 abführen mußten.
Mit den TFLs wurden die holzwirtschaftlich produktivsten Wälder nahezu kostenlos an große Holzkonzerne vergeben. Forstminister Robert Sommers (»Honest Bob Sommers«), in dessen Amtszeit in den 50er Jahren die ersten Lizenzen vergeben wurden, wurde wegen Bestechlichkeit im Amt im Zusammenhang mit der Lizenzvergabe zu fünf Jahren Haft verurteilt. Wegen der öffentlichen Kritik am Ausverkauf der Wälder ging er ins Gefängnis, doch die Vergabe der Lizenzen ging unverändert weiter. So kam es zur Konzentration der Einschlagrechte in den Händen weniger Holzkonzerne, und es begann der industrielle Raubbau in den Küstenregenwäldern.
Heute kontrollieren die zehn größten Holzkonzerne in Britisch Kolumbien 59 % der jährlichen Einschlagrate der Provinz, und sogar 77 % des Einschlags in den Küstenregenwäldern. Mehr als 8,5 % entfallen allein auf den größten Konzern, MacMillan Bloedel. Die Aktienanteile der 25 größten Holzkonzerne gehören zu 70 % Teilhabern mit Wohnsitz außerhalb der Provinz und 48 % der jährlichen Einschlagrate werden von Firmen kontrolliert, deren Aktienmehrheit sich außerhalb von Britisch Kolumbien befindet*1. So flossen etwa zu Beginn der 90er Jahre 72 % der in der Region Port Alberni (Vancouver Island) aus der Holzwirtschaft erwirtschafteten Einkünfte aus der Region ab.*2
Es wird ein trauriger Tag sein für Britisch Kolumbien, wenn die Holzindustrie hier nur noch aus wenigen großen Konzernen besteht, die im Besitz der produktivsten Waldbestände sind, ...denn dies wird auch das Ende vieler unabhängiger Holzfäller und kleiner Sägewerksbesitzer sein.
H.R. MacMillan (1956)
Zusätzlich zu den offensichtlichen Skandalen und Peinlichkeiten bei der Vergabe der Lizenzen erhielten Konzerne noch eine Reihe weiterer Vorzüge aus den öffentlichen Kassen: MacMillan Bloedel etwa kassierte im Laufe des vergangenen Jahrzehnts CAN$ 28,9 Mio. an »Forschungs- und Entwicklungsgeldern», CAN$ 26,5 Mio. an Investitionsvergünstigungen und weitere Steuervergünstigungen im Wert von CAN$. 253,4 Mio. Im gleichen Zeitraum lagen die Nettoeinnahmen des Unternehmens bei CAN$ 1,03 Mrd. Ähnliche Rechenexempel ließen sich auch für die übrigen Konzerne erstellen. Auch ist das marode Lizenzsystem nicht nur eine Altlast aus vergangenen Jahrzehnten: 1992 wurde der damalige Forstminister Dan Miller für drei Monate vom Dienst suspendiert, weil er bei der Lizenzvergabe an seinen zukünftigen Arbeitgeber, den Holz und Papierkonzern REPAP, mitgewirkt hatte. Und Interessenverquickungen scheinen auch in den späten 90er Jahren nicht ausgeschlossen zu sein, wie der Ausverkauf im Großen Küstenregenwald zeigt.
Das feudale" Pachtsystem ist jedoch nicht auf Britisch Kolumbien beschränkt, wie das folgende Beispiel zeigt: In Alberta, der östlich an Britisch Kolumbien angrenzenden Provinz, verteilte die dortige Regierung in den letzten Jahren weite Teile des Landes als Forest Management Agreement (weitgehend analog zu den TFLs in Britisch Kolumbien) an multinationale Konzerne. 221 000 Quadratkilometer borealer Wald - das entspricht etwa der Größe Großbritanniens - sollen in den kommenden Jahren in den riesigen, neuen Zellstofffabriken verschwinden. Und wieder umfassen die so freizügig verteilten Lizenzen Gebiete, die traditionell von indianischen Völkern bewohnt und nie an Kanada abgetreten wurden. Besonders die Proteste der Lubicon Cree gegen die Einschlagpläne des japanischen Konzerns Daishowa sind zu einer Frage des kulturellen Überlebens für die Lubicon geworden.
Indianische Landrechte
Wie im Fall der Lubicon Cree in Alberta, ist auch 125 Jahre nach dem Beitritt Britisch Kolumbiens zur kanadischen Föderation weiterhin unklar, wem das Land eigentlich gehört, das vom Forstministerium der Provinz so großzügig an die Holzkonzerne verteilt wird. Abgesehen von wenigen Ausnahmen kann die Provinzregierung in Britisch Kolumbien bis heute keine Landabtretungsverträge für die vom Forstministerium vergebenen Gebiete vorweisen. Die indianischen Nationen im Großen Küstenregenwald etwa, haben ihr Land nie an die kanadische Regierung abgetreten oder verkauft. Doch als Britisch Kolumbien 1871 der Kanadischen Föderation beitrat, erloschen - so die offizielle kanadische Sichtweise - automatisch alle früheren Rechte der indianischen Nationen. Sie wurden der Verwaltung durch das Bundesministerium für indianische Angelegenheiten" unterstellt. Verbote der indianischen Sprachen und Bräuche, Unterbringung der indianischen Kinder in entlegenen Internaten und Aberkennung des Indianerstatus für Frauen, die einen weißen Mann heirateten, sind nur einige der »Veränderungen«, denen indianische Nationen in Kanada bis in jüngste Zeit ausgesetzt waren.
1880 wurden ihnen Reservate, meist in der Nähe ihrer Siedlungs- oder Fischfangplätze zugeteilt, die jedoch bei weitem nicht die traditionell genutzten Stammesgebiete umfaßten. Die Größe der Reservate errechnete sich aus der Zahl der Indianer/innen, die in dem Gebiet lebten. Durchschnittlich wurden jeder Person 1,6 ha Reservatsland zugestanden. Abgespeist mit Landrechten auf den Reservaten - einige nicht viel größer als ein Fußballfeld - mußten viele der indianischen Völker an der Westküste Kanadas miterleben, wie dem Raubbau der Holzkonzerne zahlreiche Täler zum Opfer fielen. Und mit den Urwäldern werden auch weiterhin unzählige alte Siedlungen und heilige Stätten zerstört.
Wie schwierig es für die Indianer ist, ihr Recht zu bekommen, zeigt auch die Auseinandersetzung um Meares Island, eine dicht bewaldete Insel im Clayoquot Sound und ein traditionelles Zentrum indianischer Kultur in dieser Region. Seit Jahren führen Ureinwohner/innen einen Rechtsstreit gegen die Regierung und den Konzern MacMillan Bloedel, der, versehen mit einer entsprechenden Einschlagslizenz, die Wälder auf der Insel kahlschlagen will. Verhandelt wird - selbstverständlich - vor einem kanadischen und nicht etwa vor einem indianischen oder internationalen Gericht. Der Prozeß verschlingt immense Summen, die von den wirtschaftlich schwachen indianischen Nationen kaum aufgebracht werden können.
Dabei ist die Position der indianischen Völker eindeutig: Auch nach heute geltender Gesetzgebung sind die indianischen Nationen solange im Besitz ihres traditionellen Landes, wie keine Landabtretungsverträge abgeschlossen wurden. Diese Rechtsauffassung geht auf die Royal Proclamation von 1763 zurück. Sie besagt, daß die kanadische Regierung keine Befugnis hat, unveräußertes Land indianischer Nationen einer dritten Partei zu überlassen - eine Rechtsauslegung, die 1995 von einer von der kanadischen Bundesregierung einberufenen Untersuchungskommission bestätigt wurde.
A long time ago...we had a number of settlements up and down the valley and on the Salt Water, but the white man took possession of them, and also the timber. I hear the white man are making a great deal of money out of the land that formerly belonged to the Indians. If I were to go to USA, England or any part of Canada and go on anyones land like that I would be put in jail right away, and we would like to know why our lands have been taken from us this way. We dont want to lose any more land than we have already lost.
Nuxalk Chief Sungwmay (Tom Henry) 1916.
Das Brasilien des Nordens
Doch nicht nur der Umgang mit indianischen Landrechten erinnert an die Zustände im südlichen Amerika. Ein Blick auf die »Nutzung« der Wälder zeigt weitere Parallelen zu Ländern, die wegen der Vernichtung tropischer Wälder im Zentrum internationaler Kritik stehen: Mehr als die Hälfte des in Britisch Kolumbien seit 1911 eingeschlagenen Holzes wurde nach 1975 abgeholzt, und während sich die jährliche Einschlagrate in den letzten 30 Jahren verdreifachte, blieb die Zahl der Arbeitsplätze gleich bzw. sank sogar. In Britisch Kolumbien geht somit auch vier Jahre nach den Massenprotesten 1993 im Clayoquot Sound der Raubbau an den Urwäldern weiter. In vielen Gebieten findet der Einschlag auch heute noch ausschließlich in Urwäldern statt. International Forest Products etwa, bestreitet seine gesamten Abholzungen im Großen Küstenregenwald aus Urwaldbeständen. Einschlagverfahren ist - trotz der extrem steilen Hänge - der Kahlschlag.
Und auch was die Gesetzestreue angeht, gehört Interfor nicht gerade zu den Vorbildern:
In mehr als 50 % der 1994 im Auftrag der Provinzregierung untersuchten Gebiete verstieß Interfor gegen die bestehenden Richtlinien zum Fließgewässerschutz. Keinem anderen Konzern in Britisch Kolumbien wurden so viele Vergehen nachgewiesen.
Zwischen 1992 und 1995 wurde der Konzern 21 mal dabei ertappt, daß außerhalb zugewiesener Einschlaggebiete abgeholzt wurde - in einem Fall übersah man sogar geflissentlich die Grenzen eines Provinzparkes.
Im November 1995 war Interfor der erste Konzern, gegen den wegen Verstoßes gegen das neue Forstgesetz ermittelt werden mußte.
Sieben Mal wurde der Konzern in den letzten 15 Jahren wegen Verstößen gegen diverse Forstrichtlinien verurteilt.
Mindestens 7 690 ha, auf denen Interfor Urwälder zerstörte, sind auch heute noch nicht wieder zufriedenstellend bestockt"
Interfors Kahlschlag im Großen Küstenregenwald zerstört nicht nur die Urwälder, sondern auch die Möglichkeit, langfristig sichere Arbeitsplätze und eine regionale Holzverarbeitungsindustrie aufzubauen: 95 % der abgeholzten Bäume werden unverarbeitet abtransportiert. Pro Jahr verlassen circa 50 Holzflöße den Großen Küstenregenwald in Richtung Vancouver. Jedes der Flöße ist mit 12 000 m3 Holz (circa 350 Logging Trucks) beladen, und mit den Stämmen schwimmen pro Ladung 10 Vollzeitarbeitsplätze davon. Mit einem Bruchteil dessen, was Interfor im Großen Küstenregenwald einschlägt, ließe sich also eine stabile regionale Holzverarbeitung aufbauen, ohne daß weiterhin intakte Urwaldgebiete zerstört oder die Landrechte der indigenen Bevölkerung mißachtet würden.
Die zahllosen Regierungsinitiativen, die in den vergangenen Jahren entstanden, haben alle eines gemeinsam: Sie ignorieren die eigentlichen Ursachen des Raubbaus - zu hohe Einschlagraten, marodes Lizenzsystem und Konzentration der Einschlagrechte in den Händen weniger Konzerne - und trafen kleine Unternehmen immer deutlich härter als die transnationalen Konzerne.
Lesen darf keine Sünde sein" *3
Ein großer Teil des in Britisch Kolumbien eingeschlagenen Holzes ist für die Papier- und Zellstoffproduktion bestimmt. Kanada ist weltweit größter Exporteur von Papier, Karton, Pappe; bei Zellstoff ist der Anteil mit 31,5 % besonders hoch. Im Jahre 1994 importierte Deutschland 8,5 % (ca. 750 000 t) des kanadischen Exportzellstoffes - das sind Tag für Tag fast 2 000 Tonnen. Damit beziehen die deutschen Papierhersteller knapp 20 % ihres Zellstoffes aus Kanada. Für die Herstellung der Endprodukte werden in der Regel Zellstoffe aus unterschiedlichen Herkunftsländern gemischt. So kann der Verbraucher und die Verbraucherin in Deutschland das sichere Gefühl haben, mit fast jeder Zeitschrift, Massendrucksache, mit jedem Schreibpapier, Reiseprospekt, Klopapier und jeder Wegwerfwindel aus neuen Fasern ein Stück original kanadischen Regenwald in der Hand zu halten.
Alternativen gäbe es schon - nur würden sie die Gewinne der papierverarbeitenden Industrieaktionäre hierzulande schmälern oder am heiß umkämpften Zeitschriftenmarkt zu teurerem Lesevergnügen" führen - und welcher Verlag geht ein solches Risiko schon gerne ein? Dann schon lieber ein bißchen Urwald weniger...
"Klimaschutz" mit der Kettensäge
Um das angekratzte Image der kanadischen Holzindustrie aufzupolieren, muß zuweilen auch die globale Klimaveränderung herhalten: Das Abholzen der Urwaldbestände (decadent and overmature forests" in den Worten der kanadischen Forstindustrie) trage letztlich sogar zur Senkung des C02-Gehaltes der Atmosphäre bei, heißt es. Ein Argument" - oder vielmehr eine unbewiesene, ja geradezu allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechende Behauptung, die leider allzuhäufig gutgläubig übernommen wird.
In den Regenwäldern an der Westküste Kanadas sammeln sich im Laufe der Jahrhunderte bis zu 4 000 t Biomasse pro Hektar - gut dreimal soviel wie in den tropischen Regenwäldern und mehr als in jedem anderen terristrischen Ökosystem dieser Erde. Obwohl die temperaten Regenwälder nur 4 % der Fläche Kanadas einnehmen, enthalten sie doch 20 % der insgesamt in Kanada vorhandenen Biomasse - ein gigantischer Kohlenstoffspeicher!
Regierung und Holzindustrie stellen das Ersetzen des überalterten" Urwaldes durch schnell wachsende Sekundärwälder gerne als aktiven Beitrag zur Senkung des CO2-Gehaltes der Atmosphäre dar. Schließlich, so die durchaus richtige Feststellung, sei die Netto-CO2-Aufnahme eines voll ausgebildeten Urwaldes gleich Null. Die Freisetzung von CO2 durch natürliche Abbauprozesse und die CO2-Aufnahme durch Pflanzenwachstum stehen miteinander im Gleichgewicht. Bei jungen, schnell wachsenden Sekundärwäldern überwiegt hingegen die Assimilation, sie nehmen mehr CO2 aus der Atmosphäre auf, als sie an diese wieder abgeben. Entscheidend ist jedoch, wieviel Kohlenstoff langfristig gespeichert werden kann, und damit dauerhaft dem CO2-Pool der Erdatmosphäre entzogen ist. Und in diesem Punkt kann es keinen Zweifel an der unerreichbaren Speicherfähigkeit der Primärwälder geben. Die Bedeutung der Wälder für die atmosphärische CO2-Konzentration liegt nämlich nicht in ihrer Fähigkeit, kurzfristig CO2 fixieren zu können. Das können andere Pflanzen, wie z.B. Mais viel besser.
Eine Studie der Universität von Corvallis, Oregon (Harmon et al., 1990*5) untersucht die CO2-Bilanz der Umwandlung der Urwälder in Sekundärwälder in den US-Bundesstaaten Washington und Oregon. Bei sehr vorsichtigen Grundannahmen kommen die Autoren zu dem Schluß, daß durch die Umwandlung von 50 000 km2 Urwald in Sekundärwälder in den beiden Bundesstaaten in den letzten 100 Jahren etwa 1,5 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt wurden. Das ist mehr als das Doppelte des gesamten 1987 von der Bundesrepublik emittierten CO2.
Das Image bröckelt...
Ob Clayoquot Sound, Großer Küstenregenwald oder Slocan Valley - immer geht es um die von der Forstindustrie geplante Liquidierung selbst der letzten Urwälder in Kanada. Die großen Konzerne fürchten, daß ihnen unter dem Druck einer wachsenden kritischen Öffentlichkeit sicher geglaubte Pfründe entzogen werden könnten. Der Run auf weitere Einschlagslizenzen für die letzten zusammenhängenden Gebiete wie etwa den Großen Küstenregenwald hat begonnen. Die Konzerne reagieren auf die kritischer werdende Öffentlichkeit mit ausgefeilten PR-Initiativen und mit der Änderung ihrer Nutzungspläne: Besonders bedrohte" Gebiete werden in der Einschlagsplanung um Jahre vorgezogen. In viele bisher unerschlossene Gebiete werden vorsoglich schon einmal Straßen hineingeschlagen, um vollendete Tatsachen zu schaffen.
Die Bedeutung der Auseinandersetzungen um die Zerstörung der Urwälder geht jedoch längst weit über Clayoquot Sound oder den Großen Küstenregenwald hinaus. Es geht um die Frage, ob die Betroffenen weiterhin zulassen werden, daß die Resoucen des Landes in einer Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft zum Nachteil zukünftiger Generationen verschleudert werden.
Und es geht um das internationale Ansehen Kanadas. Tausende von Protestbriefen und Aktionen in zahlreichen Ländern der Erde zeigen ihre Wirkung. Arthur Campeau, 1993 Verteter Kanadas bei den Vereinten Nationen, erklärte im September 1993: Ich glaube, daß der Clayoquot-Konflikt bereits zu lange andauert. Er schadet uns mehr, als wir bereit sind zuzugeben. Im Ausland bröckelt Kanadas beneidetes Image als weltweit führendes Land im Naturschutz und wird verdrängt durch das Bild eines environmental outlaw".*4
Zitate:
* 1 Jones, Trevor pers. comm., August 1996.
* 2 Clayoquot Sound Sustainable Development Strategy (1992)
* 3 Cepiprint (Hrsg, 1996). Paper News. Editorial, S. 3.
* 4 Friends of Clayoquot Sound (1993). Friends of Clayoquot Sound Information Sheet. Tofino, Britisch Kolumbien
* 5 Harmon, M.E. et. al. (1990). Effects on carbon storage of conversion of Old-growth forests to young forests. Science 247, S. 699.
Literaturtips zum Weiterlesen:
Hammond, H. (1991). Seeing the Forest among the Trees. Polestar Press, Vancouver, Britisch Kolumbien
Dorst A. & C. Young (1990). Clayoquot Sound: on the Wild Side. Raincoast Books, Vancouver, Britisch Kolumbien
Gesellschaft für Bedrohte Völker (Hrsg, 1992). Unsere Zukunft ist Eure Zukunft: Indianer heute. Sammlung Luchterhand, Hamburg
Robin Wood (Hrsg, 1993). Vom Ende der Wälder. Verlag Die Werkstatt. Göttingen
SCI (Hrsg. 1992). Umweltkrieg und Landraub: Studienfahrt zu UreinwohnerInnen und Naturräumen im Westen Nordamerikas. SCI, 53115 Bonn
Marchak, M.P. (1995). Logging The Globe. McGill Queens University Press, Montreal
Schoonmaker, P. (1997). The Rainforests of Home: Profile of a North American Bioregion. Island Press.
Adressen von Naturschutzorganisationen in Britisch Kolumbien, bei denen Sie sich vor Ort über die aktuelle Situation informieren können:
Western Canada Wilderness Committee 19, Bastion Square, Victoria, V8V 1J1 und 20, Waterstreet, Vancouver, V6B 1A4
Forest Action Network 2150 Maple, Vancouver, V5N 4A6 und Bella Coola, V0T 1C0
Greenpeace 1726 Commercial Drive, Vancouver V5N 4A3
Friends of Clayoquot Sound Tofino, V0R 2Z0
Valhalla Society, New Denver, B. C. V0G 1S0
Raincoast Conservation Society, 9-416 Dallas Rd Victoria,B.C. V8V 1A9
(Im World Wide Web können die "Homepages" der aufgeführten Organisationen durch Eingabe des Namens in die gängigen "Suchmaschinen" gefunden werden.)
Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Arbeitskreis Kanadische Urwälder AKKU c/o Leidenhöfer Hohl 8; 35085 Ebsdorf
Urgewald, Von Galen Straße 2, 48336 Sassenberg Tel.: 02583 / 1031 Fax: 02583 / 4220; e-mail: urgewald@gn.apc.org
(Bitte Rückporto beilegen. Danke.)
Bildnachweis:
Philipp Küchler (1b, 2b, 3c, 8, 11, 12), Holger Sandmann (1a), Linda Wilkinson (2a, 3a), US Forest Service (3b), Larry Aumiller (9), FAN (13), Ray Peterson (15), Seattle Post Intelligencer (14), New Catalyst (6)
Es ist der größte aller Fehler nichts zu tun, weil man nur so wenig tun kann.
Sydney Smith
Was tun?
Auch ohne sich direkt an den Protestaktionen in Kanada zu beteiligen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich auch in Deutschland für den Erhalt der temperaten Regenwälder einzusetzen:
Überprüfen Sie, wo Sie täglich Papier ver(sch)wenden. 1995 hat jedeR von uns durchschnittlich 194 kg Papier und Pappe verbraucht.
Boykottieren Sie Wurfsendungen und Werbung durch einen entsprechenden Aufkleber am Briefkasten.
Verzichten Sie auf unnötige Verpackungen, Papiertüten.
Kopieren Sie nur, wenn es wirklich notwendig ist und grundsätzlich beidseitig auf Recyclingpapier. Wenn nötig, fordern Sie, daß dafür geeignete Kopierer angeschafft werden.
Verwenden Sie Küchenrollen, Taschentücher und Windeln aus Stoff, sowie Toilettenpapier, Schulhefte, Karteikarten etc. aus Recyclingpapier.
Fragen Sie beim Kauf von Möbeln und Baustoffen nach der Herkunft der Holzanteile. Geben Sie sich nicht mit einem Achselzucken des Händlers zufrieden.
Fragen Sie bei Urlaubsplänen für Kanada im Reisebüro nach der Zerstörung der Urwälder und informieren Sie sich auch über die Landschaften außerhalb der Schutzgebiete.
Teilen Sie anderen mit, was Sie über Kanadas Urwälder im Urlaub, im Diavortrag, oder in diesem Faltblatt erfahren haben (geben Sie dieses Faltblatt bitte auch weiter).
Machen Sie mit bei Unterschriften- und Briefschreibaktionen.
Unterstützen Sie Umweltgruppen und Indigene Völker in Kanada durch Protestbriefe an die Regierung von Britisch Kolumbien und die Kanadische Botschaft in Bonn. Anschrift:
Kanadische Botschaft, Friedrich-Wilhelm Straße 18 53113 Bonn, Fax 0228 3909. Vermerk: Zur Weiterleitung an den Premier von Britisch Kolumbien.